Mit dem Messer – Lord Bath vermißt seinen Tizian. Wer war’s?


Lord Alexander Marquess of Bath – Der Hippie LordDIE ZEIT Nr. 04 20.01.1995 MODERNES LEBEN

von John A. Kantara,

Das neue Jahr begann für Lord Alexander Markgraf von Bath nicht gut. Nachdem Diebe seinem Herrenhaus von Longleat bei Salisbury einen nächtlichen Besuch abgestattet hatten, fehlten drei Gemälde. Darunter ein Tizian, die „Rast auf der Flucht nach Ägypten“. Lord Bath, Mitglied des britischen Oberhauses und selbst Maler, reagierte schockiert. Experten schätzen den Wert des gestohlenen Werkes auf fünf Millionen Pfund.

Lord Bath, wie kam der Tizian in Ihren Besitz?

Dieses Bild ist schon seit ungefähr 1875 im Besitz meiner Familie. Es war der 4. Markgraf, also mein Ururgroßvater, der italienische Gemälde sammelte, um dem viktorianischen Dekor der Räume ein italienisches Flair zu geben.

Das Gemälde – Tizians „Rast auf der Flucht nach Ägypten“ -, was bedeutet es für Sie?

Unsere Kunstsammlung besteht sowohl aus wertvollen Büchern als auch aus Gemälden. Wobei der Tizian das Herzstück unserer Sammlung war. Als Maler habe ich eine besondere Beziehung zu den Bildern, weil Bilder einfacher auszustellen sind. Da war es natürlich ein Riesenschock, als das beste Stück direkt vor meiner Nase, keine fünfzig Meter von mir entfernt, geklaut wurde.

Wo befanden Sie sich, als die Diebe kamen?

Ich war in meinem Schlafzimmer, lag vor dem Fernseher, die Diebe kletterten draußen die Mauer hoch. Wissen Sie, nach dem Dinner, so gegen neun oder zehn Uhr, sehe ich immer fern. Im Bett, schalte durch die Kanäle. Welcher Film es war, ich weiß es nicht mehr. Das Klirren des Fensterglases habe ich nicht gehört. Aber bei der Polizei und auch in unsrer Sicherheitszentrale wurde Alarm ausgelöst. Sie waren alle sofort da, innerhalb von Minuten – zu spät. Diese Einbrecher waren äußerst geschickt: rein, den Tizian aus dem Rahmen schneiden, raus. Die Polizei nennt das „smash-n-grab“. Oh, einen Augenblick, können Sie kurz am Telephon bleiben?

Was ist denn los?

Sie zeigen gerade Longleat im Fernsehen. (Pause.) Oh, sie haben gerade einen ehemaligen Kunsträuber gezeigt, der auf solche Einbrüche spezialisiert war. Er sprach darüber, wie schwierig oder wie einfach es für die Diebe sein wird, diesen Tizian loszuwerden.

Und, was glauben Sie?

Na ja, wir glauben an eine professionelle Bande, die schon potentielle Käufer hat, in Südamerika oder Kontinentaleuropa oder wo sonst auch immer. Es ist auch möglich, daß der Tizian auf Bestellung gestohlen wurde.

Die Wand, an der das Bild hing, ist nun leer. Sind Sie verbittert? Werden Sie auch künftig noch Publikum ins Haus lassen?

Es ist schrecklich. Ich habe das Problem, als Wächter vieler Kunstschätze wie in einem Glashaus zu leben. Über 150 000 Besucher in jedem Jahr. Ist es überhaupt zu verantworten, Originale an die Wände zu hängen, oder müßte man es nicht bei Imitationen belassen? Eine schwierige Frage.

Ihr Vater, der 6. Markgraf, hat das Herrenhaus der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – ein Fehler?

Nein, ich verurteile meinen Vater nicht. Er hatte gar keine andere Wahl. Es war notwendig, denn ohne das Geld der Besucher wäre es uns nicht möglich gewesen, Longleat zu renovieren.

Lord Bath, Scotland Yard arbeitet an dem Fall. Als Belohnung sind 100.000 Pfund ausgesetzt. Was wird Ihr erster Gedanke sein, falls die Polizei das Gemälde finden kann?

Oh, es wäre eine große Erleichterung. Nicht nur finanziell: Ich wußte gar nicht, daß der Tizian auf fünf Millionen Pfund geschätzt wird.

-Ends-

http://www.longleat.co.uk/

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