Interview mit John A. Kantara, Professor für Journalistik, DEKRA-Hochschule Berlin v. 16.11.2011, Zapp, NDR

Sind schwarze Schauspieler und Medienschaffende in Deutschland mit rassistischen Stereotypen konfrontiert?

Diese Frage stellte mir Sugárka Sielaff, Reporterin beim Medienmagazin Zapp des NDR im November letzten Jahres. Sie war auf der Recherche zu einem Beitrag über dieses Thema. Den Film könnt ihr hier sehen. Natürlich kann in einem Magazinbeitrag nicht ein ganzes Interview verwendet werden. Oft beschränkt man sich aus Zeitgründen auf einige Kernaussagen. Auf der Webpage kann man dann ausführlicher werden. Hier immer noch in Auszügen das Interview das Sugárka mit mir geführt hat. Und hier noch ein interessanter Artikel der BR-Medienforschung: Fremd in der Serienfamilie? von Antje Streit

Die Rollen, in denen man Afrodeutsche im Fernsehen sehen kann, scheinen recht eintönig zu sein.

Klischees sind in Deutschland wichtig, die Schublade, in die man  gesteckt wird ist wichtig. Und was wir hier in Deutschland lange nicht schaffen – aber ich denke wir werden besser  – ist,  aus dieser Schublade herauszutreten. Ich glaube, dass viele Produzenten, die die Möglichkeit hätten ethnische Minderheiten in die Medien zu bringen, dem Zuschauer nicht genug zutrauen. Die Wirklichkeit spiegelt sich in der Traumfabrik nicht wieder.

Welche Wirklichkeit meinen Sie damit?

Es gibt hier in Berlin  – einer bunten Stadt  – zwei schwarze Hauptkommissare. Die sind leitende Führungspersönlichkeiten der Berliner Polizei. Auf dem kleinen Bildschirm sieht man so etwas aber nicht.

Warum ist das so?

Weil die Produzenten glauben eine Erfolgsformel gefunden zu haben, die sie einfach versuchen immer wieder umzusetzen.

Ein Artikel, den ich bei der Recherche gelesen habe trug den sarkastischen Titel: „Telegen sei der Buschmann, fröhlich und bunt“. Welches Bild von Afrika wird in deutschen TV-Produktionen transportiert?

Da wird ein uraltes Bild transportiert. In Deutschland lieben wir – scheinbar auch in den Medien – die Klischees. Wir lieben es Menschen in Schubladen zu packen. Das ist so schön einfach. Wir müssen dann nichts problematisieren. Man weiß sofort was „gemeint“ ist. Nur ist das nicht mehr an die Realität angepasst. Ich habe den Eindruck, viele Produzenten trauen dem Zuschauer nicht viel zu. Sie möchten es möglichst einfach haben. Ich bin nicht ganz zufrieden.

Was bedeutet dies für das Rollenangebot für afrodeutsche Schauspieler?

Viele afrodeutsche Schauspieler die ich kenne berichten mir, dass sie keine vernünftigen Rollen angeboten bekommen. Sie können Tänzer sein, sie können Schauspieler sein und vielleicht auch noch der ein oder andere Zuhälter oder Drogendealer. Das passt so schön in das Klischee, das man so gemeinhin von Schwarzen hat.

Aber wo sind die Richter, wo sind die Polizeibeamten. Die Kommissare, die ermitteln, die klug sind und ihre Fälle lösen können und nicht nur Handlangerdienste machen. Mein Eindruck ist, dass diese Rollen gar nicht geschrieben werden, weil die Drehbuchautoren sich gar nicht vorstellen können, dass das in Deutschland goutiert werden könnte. Ich glaube aber, dass der Zuschauer das begrüßen würde, weil es authentischer wäre.

Der Zuschauer würde es gut finden, wenn auch mal ein schwarzer Arzt in der Schwarzwalklinik wäre – den gibt es vielleicht sogar schon, aber noch viel zu wenig. Ich glaube allerdings auch, dass sich das gerade beginnt zu ändern.

Realität wird ja durch Bilder und Geschichten auch mit geschaffen. Welche Realität ist das, wenn Veronika Ferres auf einer Farm in Afrika von einer perfekt deutsch sprechenden Schwarzen bedient wird?

Es ist lächerlich, völlig lächerlich. Eine sehr dünn strukturierte Geschichte, die da immer wieder erzählt wird. Außerdem sind diese Geschichten auch nicht besonders gut geschrieben. Der deutsche Zuschauer hätte was Besseres verdient, als die immer gleichen Klischees, die bedient werden. Schwarze Menschen sind genauso gebrochen in ihrer Biographie, wie alle anderen auch. Sie haben die gleichen Träume, die gleichen Aspirationen wie alle anderen, die gleichen Fähigkeiten oder Unfähigkeiten. Man kann da vielmehr machen, als man heute sich traut. Das ist leider so.

Sie sprachen davon, dass sich langsam etwas ändert. Was ändert sich denn?

Ich weiß, dass man sich bemüht Nachwuchs zu gewinnen. Aber das geht eben relativ langsam. Der Fortschritt in Deutschland ist in dieser Beziehung eine Schnecke. Man könnte wesentlich schneller sein und mehr machen, um der ganzen Bandbreite unserer Gesellschaft Rechnung zu tragen und zu zeigen: ja klar! Wir sind alles. Wir sind asiatisch-deutsch wir sind afrodeutsch wir sind „nur deutsch“  – ist doch auch egal: Wir sind bunt! Und das ist eine Bereicherung, das ist ein Vorteil!

Gibt es positiv Beispiele, die Sie nennen könnten?

Tyron Ricketts hat bei SOKO-Leipzig mitgespielt. Liz Baffoe spielt mittlerweile auch interessantere Rollen. Aber so richtig positiv würde es für mich, wenn es Rollen für Richter, Polizisten und Lehrer gäbe. Wenn man die gesellschaftliche Bandbreite der bunten Republik Deutschland zeigen würde.

Sind andere Länder schneller?

Die Engländer sind weiter, die Franzosen sind weiter. Oft wird dann gesagt: ja, die hatten ja auch Kolonien. Die Deutschen hatten auch Kolonien. Und viele, viele Afrodeutsche können ihre Wurzeln auf Migranten  beziehen, die als deutsche Staatsbürger aus den Kolonien nach Deutschland kamen. Das ist überhaupt nicht ungewöhnlich.

Die Vorstellung vom weißen Deutschen bestimmt also das Bild?

Wir tun so in Deutschland, als ob wir eine homogene Gesellschaft wären. Das sind wir schon lange nicht mehr. Langsam kommt das ja auch in der Politik an. Es wird nach Integration gerufen. Nur: Ich bin in Deutschland geboren, meine Muttersprachen ist deutsch – wo soll ich mich dann integrieren? Ich halte mich seit meiner Geburt für integriert. Seien wir ehrlich: Es ist sehr langsam passiert – erst in den letzten zehn Jahren – dass auch schwarze Journalisten auf den Bildschirmen auftauchten und unser Bild von Deutschland und damit auch unser Selbstbild veränderten.

Die Schauspieler die ich interviewt habe, bemängeln, dass ihre Rollen nie autonome Subjekte zeigen, keine Menschen die ihr Leben selbstbestimmt gestalten.

Das ist ein Riesenproblem. Wir wollen nicht „gelabelt“ werden. Ich zum Beispiel bin von Haus aus Wissenschaftsjournalist. Ich will alles machen, nicht nur „schwarze Themen“. Ich mache Dokumentarfilme über Quantenphysik und über unsere Muskeln. Das sind Themen die mich interessieren. Ich habe überhaupt keine Lust nur Themen zu machen, die Minderheiten betreffen. Warum? Warum sollte ich mich beschränken, auf nur einen kleinen Aspekt der journalistischen Arbeit? Ich will alles machen und ich kann auch alles machen – zumindest wenn ich Größenwahnsinnig bin, denke ich das.  Und so geht es auch den Schauspielern – aber die dürfen nicht. Und noch einmal: Die Realität ist viel Fortschrittlicher als die Produzenten und die Programmverantwortlichen in den Sendern glauben. Wir sind viel weiter in Deutschland. Diese Stadt hier, Berlin, ist eine bunte Stadt. Wir haben einen homosexuellen Bürgermeister, wir haben einen homosexuellen Außenminister, wir haben einen asiatisch- deutschen Wirtschaftsminister: Hier verändert sich etwas. Nur auf dem Bildschirm ist das sehr langsam zu sehen. Und das ist ein Problem.

Ich glaube aber auch, dass das inzwischen bemerkt worden ist. Man merkt jetzt, dass man zu lange gewartet hat. Aber wir müssen noch ein bisschen mehr puschen. Unsere Aufgabe als Medienschaffende und Journalisten ist die Öffentlichkeit und ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

Im Staatsvertrag steht, dass die Öffentlich-rechtlichen sich für ein diskriminierungsfreies Miteinander einsetzten. Wie sehen sie da die Öffentlich-rechtlichen? Erfüllen sie ihren Auftrag?

Nein, überhaupt nicht! Die Privaten waren viel schneller in der Hinsicht schwarze auf den Schirm zu bringen als die öffentlich-rechtlichen. Warum ist das so? Die Privaten sind teilweise innovativer, als die alte Dame NDR, WDR oder ZDF. Weil sie ihr Ohr auf dem Gleis liegen haben, weil sie viel näher dran sind am Publikum. Aber wir kämpfen ja dafür die Zuschauer zu den Öffentlich-rechtlichen zurückzuholen. Wir müssen kämpfen – für das gute Programm. Und das bedeutet auch: Wenn in einer deutschen Fernsehproduktion überhaupt niemand mit Migrationshintergrund auftaucht, selbst auf dem platten Land –dann stimmt da irgendwas nicht, das ist einfach nicht mehr die Realität in der Bundesrepublik. Wir sind eine bunte Gesellschaft selbst im tiefsten Bayern und oder auf den Halligen.

Afrika Filme erleben zurzeit eine Art Boom. Afrika mon Amour, Afrika wohin mein Herz mich trägt, kein Himmel über Afrika, die Liste ließe sich endlos fortführen….

Afrika ist eine Projektionsfläche und wir wissen alle:  In Afrika, da kommen die Schwarzen her. Afrika ist eine Projektionsfläche für Sehnsüchte, für Ursprünglichkeit. „Das wilde Herz Afrikas“ das sind alles so Klischees, die in den Köpfen herumschwirren. Diese Klischees haben wir schon im Kindergarten vermittelt bekommen. Ob es nun Jim Knopf ist oder bei Pipi Langstrumpf der Vater der „Negerkönig“ ist. Das kommt später immer wieder hoch. Dieser Kontinent war und ist eine Projektionsfläche und es gibt Produzenten, die wollen einfache Knöpfe bedienen. Die wollen keine komplexen Geschichten erzählen, weil, da müsste der Zuschauer ja nachdenken. Sie wollen einfache, exotische Geschichten erzählen, die die alte Leier immer wieder bedienen. Das ist auch erfolgreich bis zu einem gewissen Grad. Aber irgendwann ist nicht mehr authentisch und dann wenden sich die Zuschauer ab. Wenn das alte Publikum, das dem noch was abgewinnen kann, nicht mehr Fernsehen schaut, wird man kein Publikum haben, das nachkommt. Die nachkommende Generation sagt sich dann: Was soll ich mit solchen Geschichten? Das hat meine Oma interessiert. Aber das ist doch nicht meine Lebenswirklichkeit. Und das ist ein Problem, ich glaube man kann das irgendwann nicht mehr durchhalten.

Was ist einfach seichte Unterhaltung und wo fängt Rassismus an?

Für mich geht es letztendlich um das, was wir alle in unserer Verfassung drinstehe haben: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Die Würde des Menschen, das ist für mich das Zentrale, was wir als Journalisten und Medienschaffende beachten sollten. Und es ist einfach erniedrigend mit Stereotypen zu arbeiten, die den Menschen nicht gerecht werden.

Welche Funktionen haben diese Stereotypen?

Jemanden zu diskriminieren ist ein uraltes Prinzip. Man kann sich selber großartig fühlen wenn man jemanden erniedrigt. Das ist ein alter Trick, der wird in allen Gesellschaften gespielt. Für mich ist wichtig, dass man als jemand, der in den Medien arbeitet, der also eine große Wirkung hat und viele Menschen erreicht,  die Grundwerte, die wir eigentlich alle teilen auch hochhält. Wir sind ein Land das inklusiv ist. Wir wollen zusammen etwas tun, zusammen dieses Land gestalten. Und das geht nur, wenn man das auch in den Medien beherzigt. Natürlich würden jetzt viele sagen: Ja klar, wir sind inklusiv und wir wollen alle zusammen  – aber man tut´s nicht! Und irgendwann wird das durchsichtig. Es gibt eben nicht nur schwarze Zuhälter und schwarze Drogendealer oder den stammelnden Afro an der Bushaltestelle, den gibt es auch  – aber eben nicht nur. Mir wäre es viel lieber man würde auch mal positive Beispiele zeigen, von Menschen, die es eben auch gibt. Deswegen: Rollen anders besetzen im Spielfilm! Oder auch einfach mal Geschichten von echten Menschen erzählen.

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