Schwarz. Und deutsch.

Kein Widerspruch? Für viele meiner weißen Mitbürger schon

Von Jeannine Kantara

Angesichts der zahlreichen rassistischen Angriffe, die momentan ein starkes Medieninteresse finden, mag diese kleine Episode banal klingen. Für schwarze Menschen ist sie es nicht, gehört sie doch in Deutschland zum Alltag. Solche Situationen zu meistern erfordert allerdings einen hohen Grad an Geduld und Leidensfähigkeit. Denn es gilt nicht nur, sich gegen Haargrabscher zur Wehr zu setzen, sondern auch indiskrete und einfältige Fragen abzuwimmeln, wie „Dunkeln Sie im Sommer nach?“ oder „Sie haben doch sicher Rhythmus im Blut bei Ihrer Abstammung? Ach, Sie kommen aus Deutschland? Aber Ihre Eltern… Da ist doch bestimmt etwas Exotisches mit drin.“

Abstammung ist wichtig in Deutschland. Sie bestimmt, wer hierher gehört und wer irgendwann „zurückgeht“. Hinter den Fragen steckt kein Interesse an der Person, sondern das Bedürfnis nach Kategorisierung. Die afrodeutsche Dichterin May Ayim brachte es auf den Punkt: „in deutschland großgeworden habe ich gelernt, daß mein name neger(in) heißt und die menschen zwar gleich, aber verschieden sind, und ich in gewissen punkten etwas überempfindlich bin. in deutschland großgeworden habe ich gelernt, zu bedauern schwarz zu sein, mischling zu sein, deutsch zu sein, nicht deutsch zu sein, afrikanisch zu sein, nicht afrikanisch zu sein, deutsche eltern zu haben, afrikanische eltern zu haben, exotin zu sein, frau zu sein.“

Schätzungsweise zwischen 300 000 und 500 000 schwarze Deutsche leben in der Bundesrepublik. Viele sind hier geboren und aufgewachsen, einige haben Deutschland als ihre Heimat gewählt. Inzwischen wächst bereits die fünfte Generation heran. Mit dem neuen Staatsangehörigkeitsgesetz, das die Einbürgerung erleichtert, wird die Zahl schwarzer deutscher Bürger weiter steigen. Dennoch ist schwarz und deutsch noch immer ein Widerspruch. „Fühlen Sie sich deutsch oder afrikanisch? Ist das nicht schwierig zwischen zwei Kulturen?“ Nicht für schwarze Deutsche selbst. Das Problem liegt eher bei einer Gesellschaft, die sich von ihrem weißen Selbstbildnis nicht verabschieden will. Die multikulturelle Gesellschaft ist in Wahrheit multiethnisch; „Kultur“ klingt nur weniger bedrohlich. Das 1995 von der Ausländerbeauftragten des Bundes herausgegebene Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland bemerkt: „Schwarze Deutsche werden auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre gewöhnlich als Ausländer und Ausländerinnen betrachtet. Ihr Aufenthalt in Deutschland wird als vorübergehend begriffen und ihre gesellschaftliche Verwurzelung häufig und ausschließlich mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht.“

Schwarze Deutsche gibt es schon in der fünften Generation Dabei begann die schwarze deutsche Geschichte schon vor dem Ersten Weltkrieg. Bereits Ende des 19. Jahrhundert kamen zahlreiche Afrikaner aus den Kolonien hierher. Sie gründeten Familien, ebenso wie die schwarzen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg als französische Besatzungstruppen im Rheinland stationiert waren. Diese Verbindungen waren den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge. Als die Nazis im Juli 1933 das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses erließen, wurden auch die afrodeutschen Kinder zwangssterilisiert.

Im Nachkriegsdeutschland beschäftigte man sich offiziell mit den so genannten Besatzungskindern. Anfang der fünfziger Jahre debattierte der Bundestag darüber, „Mischlingskinder“ in die Herkunftsländer ihrer Väter zurückzuschicken, da ihnen die dortigen Klimaverhältnisse angeblich eher zusagten. Vor diesem Hintergrund mag die heutige Zurückhaltung bei der statistischen Erfassung schwarzer Deutscher verständlich sein. Ihr Pass lässt sie als ethnische Minderheit nicht in Erscheinung treten.

Das macht es allerdings schwierig, sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben von schwarzen Deutschen zu gewinnen. Schließlich ist es in den meisten multiethnischen Gesellschaften aus gutem Grund längst üblich, ethnische Merkmale zu erfassen. Denn konkrete Zahlen könnten konkreten Forderungen – beispielsweise nach der Anerkennung als Opfer des Nationalsozialismus oder einem Antidiskriminierungsgesetz – Nachdruck verleihen. Präzise Angaben erleichtern es schwarzen Deutschen auch, sich als ethnische Minderheit Gehör zu verschaffen. Eine Minderheit, die sich nicht über einen „Opferstatus“, sondern über eine gemeinsame Geschichte in Deutschland definiert.

Die Selbstorganisation der schwarzen Deutschen begann 1986, mit dem Buch Farbe bekennen: Es dokumentiert – neben einer allgemeinen historischen Einführung – die individuellen Geschichten und Erfahrungsberichte von sechzehn Frauen. Viele Leser konnten sich mit den darin beschriebenen Biografien identifizieren, entdeckten Parallelen zum eigenen Leben, wie Vereinzelung in der Kindheit, fehlende schwarze Bezugspersonen und das Gefühl, „anders zu sein“. Und es half zu begreifen, dass Rassismus keine subjektive Einzelerfahrung ist, sondern institutionelle Strukturen aufweist: Schwarze Deutsche erkannten, dass sie unabhängig voneinander dieselben rassistischen Situationen erlebten und damit klarkommen mussten.

Farbe bekennen führte zur Gründung der Initiative Schwarze Deutsche (ISD). Die Abgrenzung vom weißen Umfeld bot einen Raum, in dem man sich kennen lernen, über Verletzungen sprechen konnte – und seine Herkunft nicht ständig erklären musste. Für das Entstehen einer Gemeinschaft war diese Abschottung unerlässlich; nur so konnte sich ein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln. Auch die Namensfindung war für Afrodeutsche oder schwarze Deutsche, wie sie sich von da an nannten, ein wichtiger Schritt bei der Identitätsfindung. Die Diskussion über Begrifflichkeiten – sowohl mit Weißen als auch unter den Betroffenen, die diese teilweise verinnerlicht haben – aber dauert bis heute an. Rassistische Terminologien werden nach wie vor verteidigt: Wer „afrodeutsch“ genannt werden will statt „Mulatte“ oder „kaffeebraun“, wird immer noch erleben, dass man ihm übertriebene Empfindlichkeit vorwirft.

In linken und liberalen Kreisen herrscht die Annahme vor, frei von Rassismus zu sein. Da werden aus Fremden ausländische Mitbürger – ein Widerspruch in sich -, aus „Mulatten“ „Farbige“. Man erklärt sich solidarisch und antirassistisch und erklärt schwarzen Menschen, was rassistisch ist und was nicht. „Was haben Sie gegen ,farbig‘? So schwarz sind Sie ja nicht.“ Wieso stellt niemand den Begriff des „Weißseins“ infrage?

Rassismus ist allgegenwärtig und wandlungsfähig

Vergeblich sucht man im Duden nach „afrodeutsch“. Das Unwort „Neger“ hingegen überlebt hartnäckig. Es ist nicht lange her, dass der Leiter der Duden-Redaktion diesen Begriff damit verteidigte, dass die Diskriminierung „schwarzer oder dunkelhäutiger Mitmenschen kein sprachliches Problem, sondern ein gesellschaftpolitisches“ sei. Das Lexikon „auszumisten“ werde den Sprachgebrauch nicht beeinflussen. Das ist eine Legitimation für rassistische Begrifflichkeiten, deren sich dann auch die Medien gern bedienen. Auch die Politik läuft der Entwicklung hinterher. Der Mord an Alberto Adriano in Dessau hat die Diskussion über Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit neu entfacht. Doch geht sie an der Realität vorbei. Adriano lebte hier seit 20 Jahren; er war Deutscher. Doch seine Hautfarbe machte ihn zum Fremden. Und zum Opfer von Rassismus in seiner brutalsten Form. Dieser Rassismus ist allgegenwärtig und wandlungsfähig. Er begleitet schwarze Menschen von Kindheit an, in Schule und Beruf, bei der Wohnungs- oder Jobsuche, im Kaufhaus, bei Behörden, in den Medien, im eigenen Bekanntenkreis. Er äußert sich in Vorurteilen und Klischees, er beleidigt und verletzt. Und er tötet. Solange er nicht als gesellschaftliches Problem erkannt und bekämpft wird, findet keine ernsthafte Auseinandersetzung statt, bleiben rassistische Überfälle Alltag. Schwarze Deutsche haben Netzwerke gegründet, um sich gegenseitig zu stärken und gemeinsame Strategien für politische Arbeit zu entwickeln. Eigene Publikationen wie die Zeitschrift afro look, der Black History Month oder das jährliche Bundestreffen sind fester Bestandteil der Gemeinschaft. Dort diskutiert man über Geschichte und Kultur, Ausbildungs- und Berufschancen, Gesundheit und Kindererziehung sowie die Vernetzung untereinander. Es bestehen Kontakte zu anderen schwarzen Organisationen im In- und Ausland. Vor allem in den USA herrscht reges Interesse an schwarzer deutscher Geschichte. Studenten der Universitäten Berkeley und Cornell spezialisieren sich zunehmend auf Black German Studies. Seit einigen Jahren gibt es ein Austauschprogramm zwischen Jugendlichen aus Deutschland und den USA. Gerade für afrodeutsche Jugendliche ist der Kontakt untereinander besonders wichtig, um ein positives Selbstbewusstsein zu entwickeln. Eines, das sie ermutigt, intolerant gegenüber jeglicher Form von Rassismus zu sein.

1986 drehte der WDR einen Dokumentarfilm über Afrodeutsche mit dem Titel Deutsche sind weiß, Neger können keine Deutschen sein. Der Titel stammte von der Postkarte eines Zuschauers. Auch heute noch lebt dieser Mythos in vielen Köpfen weiter, obwohl die Realität glücklicherweise ganz anders aussieht. Dennoch: Von uns allen, weißen wie schwarzen Deutschen, wird die Erkenntnis, in einer multiethnischen Gesellschaft zu leben, ein anderes Verständnis vom „deutschen Wesen“ fordern.

Aus DIE ZEIT Nr. 37 vom 07.09.2000

2 comments on “Schwarz. Und deutsch.Add yours →

  1. Hallo,

    die „Videoperle“ mit der Ehrung des Grabs von A. W. Amo rührt mich besonders an. Tolle Seite!

    Gruß

    Thomas Terhart

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