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Megans Gesetz


Megans Law – The right to know

DIE ZEIT Nr. 13 24.03.1995 MODERNES LEBEN

Nach dem Sexualmord an ihrer Tochter erkämpfte Maureen Kanka in New Jersey ein Gesetz: Der Wohnort von Sexualstraftätern wird öffentlich bekanntgegeben

von John A. Kantara,

Die Wintersonne steht über New Hope, einem Städtchen in New Jersey. Es ist Presidents‘ Day, ein Feiertag, an dem Amerika seiner Präsidenten gedenkt. Unter den zahllosen Ausflüglern ist auch ein Mann, der nicht erkannt werden will. Nennen wir ihn Jason.

Jason, heute vierzig Jahre alt, hat allen Grund, anonym bleiben zu wollen. Er ist ein Kinderschänder. Er hat seine eigenen Söhne, als sie elf und fünfzehn Jahre alt waren, sexuell mißbraucht. Vier Jahre saß er deshalb in einem Gefängnis für Triebtäter, im Adult Diagnostic and Treatment Center in Avenel, New Jersey. Wegen einer guten Beurteilung in den psychiatrischen Gutachten wurde er vorzeitig entlassen. Er wollte ein neues Leben anfangen. Doch die Vergangenheit hat ihn eingeholt. In New Jersey gibt es ein neues Gesetz: Megan’s Law. Nach Megans Gesetz muß sich jeder Sexualstraftäter, der in New Jersey wohnt, bei der örtlichen Polizei registrieren lassen. Er muß seinen Wohnort und die Adresse seines Arbeitgebers nennen. Auch das Autokennzeichen seines Wagens wird notiert, ein Photo ist abzugeben. Und das Besondere: Megan’s Law gilt rückwirkend. Selbst wenn das Verbrechen dreißig Jahre zurückliegt, muß sich der Täter registrieren lassen.

„Ich werde durch Megans Gesetz betrogen“, sagt Jason. „Sicher, ich habe meine Strafe verdient. Ich hätte nichts über mich gelernt, wäre ich nicht verhaftet und zur Therapie gezwungen worden. Ich habe sechs Monate gebraucht, um mir einzugestehen, daß ich schwul bin. Jahre der Behandlung hat es gebraucht, bis ich verstanden habe, was ich meinen Söhnen angetan habe. Heute habe ich kein Interesse mehr an Kindern. Ich bin ein gesunder schwuler Mann.“

Megan’s Law wird darauf keine Rücksicht nehmen. Seit Anfang des Jahres haben die Bürger von New Jersey das Recht, über den Nachbarn Bescheid zu wissen: Ist er ein Sexualstraftäter? In Absprache mit der örtlichen Staatsanwaltschaft begibt sich die Polizei auf Informationstour durch die umliegenden Kindergärten und Schulen. Sie klingelt bei den Nachbarn des ehemaligen Häftlings und teilt mit, wer sich auf der Wache registrieren lassen mußte.

Megan’s Law geht auf ein Verbrechen zurück, das sich im Sommer 1994 in Hamilton Township, New Jersey ereignete. Ein kleiner, ruhiger Vorort von Trenton, der Hauptstadt New Jerseys. Es war an einem Wochenende. Die siebenjährige Megan Kanka möchte abends – es ist noch hell, die Mutter bereitet das Essen – mal schnell zu ihrer Freundin rüberlaufen. 24 Stunden später wird sie tot gefunden, in einem Gebüsch. Ihr Mörder heißt Jesse Timmendequas, ist 33 Jahre alt – ein Nachbar der Familie.

Jesse Timmendequas war der Justiz bekannt. Jesse war bereits zweimal wegen sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger verurteilt worden. Die Leute in Hamilton Township wußten davon nichts. Auch für die kleine Megan war er der nette Mann von gegenüber. An jenem Abend lockte er sie mit dem Versprechen, ihr einen Hundewelpen zu zeigen, auf sein Zimmer. Er vergewaltigte sie, würgte sie, erstickte sie und beseitigte die blutige Leiche.

Als Megan Kanka gefunden wird, bricht im Ort eine Welle der Empörung los. Wütende Eltern unterschreiben Petitionen, panische Mütter lassen ihre Kinder vorsorglich für die Vermißtenkartei fotografieren. Die Menschen verlangen schärfere Gesetze. An ihrer Spitze Megans Mutter. „Mein kleines Mädchen war nicht irgendeine Nummer in einer Statistik“, sagt Maureen Kanka. „Sie war ein Mensch, und ich möchte, daß die Leute wissen, daß sie mir alles bedeutete. Ich möchte nicht, daß sie vergeblich gestorben ist. Hätten wir gewußt, wer auf der anderen Straßenseite wohnt, wäre meine Tochter noch am Leben.“

Jesse Timmendequas hatte, wie Jason, seine Strafe im Hochsicherheitstrakt von Avenel abgesessen, das von Hamilton Township eine Autostunde entfernt liegt. Die 740 Häftlinge der Anstalt sind dort eingewiesen, weil das Gericht sie als triebhaft und rückfallanfällig einstufte. Sexueller Mißbrauch gilt den Psychologen als Sucht, ähnlich dem Drogenmißbrauch. 35 Prozent der Täter werden rückfällig, was eine Art von Teufelskreis auslöst, denn 70 Prozent der Mißbraucher waren selber als Kinder Opfer von Mißbrauch. Eine Therapie könnte vielen helfen, nur sechs Prozent der Täter werden nach einer Therapie rückfällig, verheißen die Erfolgsmeldungen. In Avenel sind es 20 Prozent, die nach Therapie und Entlassung weitere sexuelle Gewaltverbrechen begehen, weshalb sich eine parlamentarische Untersuchung zur Zeit mit der Anstalt beschäftigt. Jesse Timmendequas hatte in Avenel übrigens, anders als Jason, eine Therapie abgelehnt.

Maureen Kanka gründete nach der Ermordung ihrer Tochter eine Bürgerinitiative mit dem Ziel, die Politiker unter Druck zu setzen. Und sie hatte Erfolg: 84 Prozent der Wähler in New Jersey wollten Megan’s Law. Noch nie wurde in diesem Staat ein Gesetz so schnell verabschiedet. Bereits 93 Tage nach dem Mord an Megan Kanka wurde es von der Gouverneurin des Staates New Jersey unterzeichnet.

Männer wie Jason aber, die für Verbrechen bestraft worden sind, wollen das neue Gesetz nicht akzeptieren. Jason arbeitet nach der Haft wieder als Computerprogrammierer. Er will sich nicht registrieren lassen. Als einer der ersten hat er gegen Megan’s Law geklagt. „Wenn sie meinen Arbeitgeber informieren“, meint Jason, „werde ich sofort entlassen. Ich lebe jetzt neben einem Polizei-Captain, der keine Ahnung davon hat, was ich getan habe. Ich wäre gezwungen, New Jersey zu verlassen, wenn ich noch ein Privatleben haben wollte. Ich glaube, die Gesetzgeber wollen Sexualstraftäter einfach aus New Jersey verjagen, um das Problem anderen zu überlassen.“

Tatsächlich hat sich keiner der in New Jersey seit dem 1. Januar 1995 entlassenen Sexualstraftäter im sogenannten Garden State niedergelassen. Sie alle sind in das innerstaatliche Exil gegangen. Aus gutem Grund: Eine Woche nach Inkrafttreten von Megans Gesetz kam es zu einem Fall von Selbstjustiz – verprügelt wurde der falsche Mann.

Solches Vorgehen hat Maureen Kanka nie gewollt. Andererseits, von ihrer Idee läßt sie nicht ab. Mittlerweile kämpft sie für eine Einführung von Megans Gesetz auf nationaler Ebene. Und sie hat erste Erfolge. Janet Reno, Generalbundesanwältin der Vereinigten Staaten, teilte Ende Februar mit, sie lasse prüfen, wie Megan’s Law auf Bundesebene umgesetzt werden kann.

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