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Arie Issar – Der Quellen-Forscher

DIE ZEIT 11.08.2005


Arie Issar ist Israels Wassermann

Er verwirklicht Ben Gurions Traum: Die Wüste wird zur blühenden Landschaft. Mit der Erschließung von Wasserspeichern will Arie Issar endlich Frieden zwischen Israelis und Palästinensern stiften

Von John A. Kantara

Ein Gespräch mit Arie Issar führt immer zum Wasser. Vom Skopusberg, wo man die beste Aussicht über Jerusalem hat, zeigt er auf die engen, verwinkelten Gassen, die seine Heimatstadt zum Labyrinth machen. »Dort unten hat mein Vater Eis verkauft.« Am Ende des 19. Jahrhunderts war der religiöse Jude vor russischen Pogromen geflüchtet. Er lebte davon, in der Jerusalemer Altstadt Klumpen gefrorenen Wassers feilzubieten.

Wasser ist auch für Arie Issar das Element seines Lebens. Fast dreißig Jahre hat der Geologe und Hydrologe im Herzen der Negev-Wüste gelebt, im Zinn-Valley. Den Professor am Wüstenforschungsinstitut von Sde Boker beschäftigte eine elementare Frage: Kann Israel Wasser gewinnen, wo eigentlich kein Wasser ist?

»Schon vor 3000 Jahren bedeutete Wasser hier die Zukunft«, sagt der 78-Jährige mit den schlohweißen Haaren. Er hofft, dass das Wasser diese Rolle auch heute übernehmen kann, und kommt wieder auf seinen Vater zu sprechen. Wie der Eisverkäufer damals arbeitete, Hand in Hand mit arabischen Freunden. »Als Kind lebte ich mit unseren arabischen Nachbarn noch friedlich zusammen.« Dann gab es die ersten Aufstände, die ersten Toten, »weil die Araber versuchten, die Ansiedlung von Juden in Palästina zu verhindern«. Seit Jahrzehnten lässt der Konflikt die Region nicht zur Ruhe kommen. Der Hydrologe aber ist überzeugt, es gibt ein Rezept, diesen zu lösen: »Israels Wassertechnologie kann eine Brücke für den Frieden sein.«


Mehr als 30 Jahre hat Prof. Issar in der Wüste geforscht

Ein versalzenes Geschenk aus dem Altertum

Seit der Staatsgründung durch David Ben Gurion hat Israels Verlangen nach Wasser stetig zugenommen. Immer mehr Menschen suchen im Heiligen Land nach einer neuen Heimat. Der Visionär Ben Gurion sah die Zukunft des Staates in der Wüste Negev. Er zog nach Sde Boker, damals ein kleines Wüstenkaff zwischen Tel Aviv und Eilat. Und Arie Issar folgte seinem Idol.

»Ben Gurion wollte, dass wir Wasser in der Wüste finden, um Juden anzusiedeln. Wir waren überzeugt, dass wir dort den Siedlungsraum für unser Volk finden müssen.« Im Norden Israels waren die Pioniere bald außerordentlich erfolgreich. Dort ist es heute grün. Und Issar ist einer der Männer, die dies möglich machten. Die Brunnen, die er überall im Land ausgehoben hat, bildeten die Grundlage einer Erfolgsgeschichte. Israel steht heute im Bereich hydrologischer Technik zur landwirtschaftlichen Nutzung an der Weltspitze.

Der Süden des Landes ist immer noch staubtrocken. Flüsse wie im Norden gibt es nicht. Issars Arbeit am Wüsteninstitut wurde daher jahrelang eher belächelt. Wasser in der Wüste? Die meisten seiner Kollegen hielten dies für ein Hirngespinst.

Erst 1967 gelang ihm ein Durchbruch. Er hatte erfahren, dass man tief unter der Sahara Wasser gefunden hatte. »Wir haben im Negev die gleichen Erdschichten. Ich dachte sofort, warum sollte man es nicht auch hier versuchen?« Während des Sechstagekriegs erbeutete die israelische Armee im Sinai hinter den ägyptischen Stellungen Bohrlöcher, die zur Ölexploration tief in den Wüstenboden getrieben worden waren. Den israelischen Soldaten folgten die Wissenschaftler.

In den ägyptischen Bohrlöchern machte Issar eine erstaunliche Entdeckung. Das Wasser darin hatte die gleiche Isotopenzusammensetzung wie Quellwasser aus der Negev-Wüste, und die Daten wiesen auf ein feuchtes Klima hin. »Wir fanden Wasser, das sich schon während der letzten Eiszeit unter der Wüste gesammelt hatte.« Und diese geheimnisvolle Flüssigkeit fand sich an Orten, die Hunderte von Kilometern auseinander lagen.

Noch heute ist Issar fasziniert von diesem Geschenk aus dem Altertum. Es entstand, als Europa von Gletschern überzogen war und es in dieser Region mehr Regen gab. An der Grenze zum Sinai floss das Nass unter die Erde, von dort zum Toten und zum Roten Meer. »Überall in dieser Region können wir dieses Wasser finden. Als wir sein Alter bestimmten, kamen wir auf fast 40000 Jahre.«


Die Negev bei Sde Boker

Mehrere hundert Milliarden Kubikmeter des fossilen Regenwassers sickerten tief unter den Negev. »Trinken Sie nicht zu viel davon«, sagt Issar und lächelt. Die Salinität des brackigen Wassers entspricht einem Zehntel des Salzgehalts von Meerwasser. Bevor es in Haushalte fließen kann, muss es zur Entsalzung. Issars gigantischer Fund könnte ausreichen, den Süden des Staates 600 Jahre lang zu versorgen – mit Wasser für Mensch, Tier und Kulturpflanzen. Aber erst ein minimaler Teil dieses Brackwasservorrats unter dem Wüstenboden wird derzeit wirtschaftlich genutzt (siehe unten).

Noch holt sich Israel den Rohstoff woanders her. Das Land pumpt fast 30 Prozent seines Trinkwassers aus dem See Genezareth. Aber die Ressourcen sind fast erschöpft. Zwar erreichen die Israelis eine der höchsten Recyclingraten weltweit – 70 Prozent des Trinkwassers werden wieder verwendet –, doch der Verbrauch pro Kopf ist auch mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Der Norden und die Mitte des Landes lechzen nach neuen Quellen. Israel investiert kräftig in neue Technologien. Eine davon ist die Meerwasserentsalzung.

Die Methode ist, wegen des hohen Energieverbrauchs, die derzeit teuerste, um Trinkwasser herzustellen. Dennoch hält sie der Experte im Ruhestand für »zwingend notwendig«. Jährlich 300 bis 400 Millionen Kubikmeter – mehr als die Menge, die Israel aus den Brunnen holt – müssten in Zukunft gefördert werden. Arie Issar denkt dabei nicht nur an den großen Durst seiner Landsleute: »Auch für die Palästinenser brauchen wir mehr Wasser.«

300 Liter Trinkwasser gibt es für jeden Israeli, 60 für jeden Palästinenser

In der Nähe von Ashkelon entsteht die modernste Meerwasserentsalzungsanlage des Nahen Ostens. Sie liegt nur fünf Kilometer vom Gaza-Streifen entfernt, wo 1,5 Millionen Palästinenser auf engstem Raum leben. Bis heute versorgt sich Gaza ausschließlich mit Grundwasser. Dessen Spiegel sinkt rapide. UN-Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Quellen in Gaza in den nächsten 15 Jahren versalzen. Ändert sich nicht schnell etwas, ist die nächste Katastrophe abzusehen.

Israelische Pläne sehen vor, die Kapazität der Anlage in Ashkelon beträchtlich zu erhöhen – Trinkwasser für Gaza. Doch seit die Intifada tobt, liegt das Vorhaben auf Eis. Immer wieder schlagen palästinensische Raketen auf der Baustelle ein. Herrschen Krieg und Terror, ist Wasser eben zuallererst ein Politikum und der Egoismus groß. Das zeigt auch die Lage des »Schutzwalls«, mit dem die Regierung Scharon Israel vom Westjordanland trennt. Die Sperranlage verläuft leicht östlich der Grünen Linie. Diese Waffenstillstandsmarkierung von 1967 bildet die international anerkannte Grenze zwischen Israelis und Palästinensern.

Das Ergebnis der Sharonschen Grenzversetzung: Viele der besten palästinensischen Trinkwasserquellen liegen auf der israelischen Seite der Mauer. Daher stehen jedem israelischen Siedler im Westjordanland täglich bis zu 300 Liter Trinkwasser zur Verfügung, dem Palästinenser – allerdings auch wegen der maroden Leitungen – bloß 60.

Mit Sorge beobachtet Arie Issar, wie das Wasser die Menschen trennt, statt sie zusammenzubringen. Es provoziert neue Konflikte in einer Region, in der der Besuch des Grenznachbarn heute schon lebensgefährlich ist. Er ist seit Jahren nicht ins Westjordanland gefahren. Er geht nicht einmal unbewaffnet aus dem Haus. Der alte Professor trägt an seiner linken Hüfte ein unauffälliges braunes Gürteltäschchen mit sich herum. Er klappt den Lederdeckel auf und zieht geübt eine italienische Beretta heraus – Kaliber .22, »stets griffbereit«.

Issar ist bewaffnet, seit er 14 geworden ist. »Wissen Sie, als ich ein Jahr alt war, bin ich nur knapp mit dem Leben davongekommen. Die Familie, die uns in ihr Haus bei Jerusalem eingeladen hatte, wurde mit Messern ermordet. Wir haben damals nur überlebt, weil ich Mumps bekam. Deshalb sind wir nicht gefahren.«

Die Waffe wird er erst niederlegen, »wenn wir Frieden haben und es freundschaftliche Beziehungen zu unseren Nachbarn gibt«. Aber er wird sich dann »ein wenig hilflos« fühlen, so ohne Pistole. Sein Instinkt sage ihm, »sei nie hilflos im Angesicht eines Fanatikers, der dich mit einem Messer bedroht und ›Allahu Akbar‹ schreit. Dieses Gefühl sitzt tief. Ich kann nicht ohne meine Waffe sein.«

Im Großraum von Tel Aviv leben mehr als zwei Millionen Menschen. Die Metropole am Mittelmeer boomt, sie wächst, platzt aus allen Nähten. Sollte im Nahostkonflikt das Prinzip »Land für Frieden« umgesetzt werden, brauchen die Israelis Lebensraum. Flächen außerhalb der palästinensischen Gebiete. Aber wo sollen die Menschen siedeln? »In der Wüste.« Im Negev gibt es Land im Überfluss. Dort kann der jüdische Staat noch wachsen. Ohne enormen technischen Aufwand aber kann die brackige fossile Plörre nicht als Trinkwasser genutzt werden – noch nicht.

»Sie werden sehen«, sagt Arie Issar, während er die Beretta wieder sorgsam im Täschchen verstaut, »wir bringen die Wüste zum Blühen.« Er ist überzeugt, dass Israels technologischer Vorsprung in der Wassergewinnung die Voraussetzung für eine neue Siedlungspolitik schafft – und damit Hoffnung auf Frieden. Zu Zeiten der Römer und Byzantiner blühte diese Weltgegend schon einmal. »Zugegeben, das Klima ist heute schlechter. Aber wir haben die technischen Möglichkeiten, den Nahen Osten erneut zu begrünen. Den ganzen.« Vom Skopusberg aus freut sich Arie Issar über beste Aussichten. Für die ganze Region.

Der Mensch
Als Geologe lehrte Arie Issar drei Jahrzehnte lang am Wüstenforschungsinstitut Sde Boker, einer Außenstelle der Ben-Gurion-Universität. Noch heute ist der 78-Jährige – »Wenn ich aufhöre, falle ich tot um« – Berater der israelischen Regierung, wenn es um die Erschließung von Wasservorkommen geht. Auch zu palästinensischen Forschern pflegt er regen Kontakt. Trotz vieler Freundschaften aber mahnt ihn sein Instinkt zur Vorsicht. Er geht nie ohne Pistole aus dem Haus.

Die Idee
Die Wüste soll erblühen. Was sein Idol Ben Gurion predigte, versucht Arie Issar ein Leben lang umzusetzen. Es geht ihm dabei nicht nur um die Erschließung neuer Wasserquellen. Technische Kooperation soll auch den Frieden zwischen Palästinensern und Israelis fördern: »Wissen ist eine Ressource, die man mit Nachbarn teilen kann.« 2004 erregte Issar Aufsehen mit seinem Buch »Climate Change – Environment and Civilization in the Middle East«. Es dokumentiert den direkten Einfluss des Klimas auf Ökonomie und Migration.

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