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No Go Deutschland – John Kantara, ein Afrodeutscher in Berlin, schreibt über sein Land.


Spike Lee & John A. Kantara im Gespräch über No-Go-Deutschland,

photo: Tahir Della

Warum ist es so schwer, dieses Land zu lieben? Als meine Mutter Mitte der sechziger Jahre, gut katholisch, rheinisch-westdeutsch, auf einen afrikanischen Studenten aus Ghana traf und sich verliebte, dachte niemand mehr an den verlorenen Krieg. Nazi-Deutschland war seit zwanzig Jahren Geschichte und das neue Deutschland längst wieder wer. Fußball-Weltmeister 1954 – das Wunder von Bern! Doch im Wirtschaftswunder-Deutschland des Jahres 1964 hallten die Rassengesetze der Nazis noch nach. Ich bin in Bonn geboren, der Stadt Beethovens, aber auch Hans Globkes, der das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 15. September 1935“, mit schrieb, und der im Kanzleramt Konrad Adenauers Karriere machte. Globke hatte die juristischen Grundlagen für die Judenverfolgung und für die Ermordung all jener geliefert, die im tausendjährigen Reich als nicht-arisch galten.

Nicht weit vom Bonner Kanzleramt entfernt, nahe dem Venusberg, liegt die Waldau. Am Rand des Kottenforsts gibt es im Bonner Naherholungsgebiet seit mehr als 100 Jahren eine „familienfreundliche Gastronomie“. Meine Schwester und ich liebten die Waldau. Spielplätze, Eiscreme, Familienglück. Doch das Bild eines Afrikaners, eines stolzen Vaters vom Volk der Ashanti in Ghana, mit einer weißen Frau im Arm, einen Kinderwagen durch den Kottenforst schiebend, hat damals offenbar einigen Eindruck hinterlassen. Wir müssen dermaßen Abscheu erregt haben, dass meine Mutter noch heute nur zögernd darüber spricht. Über den Anfeindungen und Beleidigungen, den Schwierigkeiten, mit schwarzem Mann und zwei afrodeutschen Kindern im Deutschland der 60er Jahre ein normales Leben zu führen, ist die Ehe meiner Eltern zerbrochen.

Das Deutschland von 2006 will wieder Weltmeister werden, und zwar mit Hilfe von gleich zwei afrodeutschen Spielern. Das Land freut sich darauf. Würde sich freuen. Wäre da nicht Uwe Karsten Heye. Der ehemalige Regierungssprecher unter Schröder und heutige Chefredakteur des SPD-Traditionsblattes Vorwärts hat der deutschen Fußballglückseligkeit einen hässlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Heye warnte schwarze WM-Touristen vor Besuchen bestimmter Orte in Berlin und Brandenburg. Da sei es für sie mitunter lebensgefährlich.

Dafür wird Heye jetzt von den Neuruppiner Rechtsanwälten Peter und Heike Supranowitz wegen Volksverhetzung angezeigt. Ihre Begründung: „Die Äußerungen von Herrn Heye sind geeignet, Teile der Bevölkerung im Land Brandenburg zu verleumden. Als Brandenburger fühlen wir uns von Herrn Heye in unserer Menschenwürde angegriffen, da er davon auszugehen scheint, dass wir in unserem Bundesland das Grundgesetz nicht respektieren und außerhalb der Rechtsstaatlichkeit stehen.“ Für alle schwarzen Menschen, die in Brandenburg und anderswo schon einmal Opfer rassistischer Gewalt geworden sind, klingt diese Formulierung wie blanker Hohn.

Ich weiß nicht, wie der Generalbundesanwalt, oft wegen seines energischen Eingreifens gegen vermutete rechtsextreme Gewalttäter kritisiert, auf die Anzeige der Supranowitzens reagieren wird. Meine Familie und ich und viele unserer afrodeutschen Freunde haben schon lange reagiert und geben unsere Euros nur noch selten in Brandenburg aus.

Nach Angaben des Vereins „Gesicht zeigen!“, dessen Vorsitzender Uwe Karsten Heye ist, hat es seit der Wende in der Ex-DDR durchschnittlich 17 Todesopfer rechter Gewalt pro Jahr in Deutschland gegeben. Wen überrascht das noch? Reden wir nicht schon seit Jahren über das Phänomen, dass es in deutschen Landen gerade dort, wo kaum Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe leben, besonders viele rassistische Übergriffe gibt? Doch dieser Rassismus ist nicht nur ein ostdeutsches Problem.

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die Beerdigung Konrad Adenauers. Meine Großmutter, eine glühende Verehrerin Adenauers, nahm mich damals mit nach Rhöndorf zum größten Massenspektakel des Jahres 1967. Dieses Ereignis hat mich stark beeindruckt. Die vielen Menschen, der schlichte braune Holzsarg mit dem gekreuzigten Jesus darauf, die Oma, die mich drängte, eine Handvoll Erde und meine mitgebrachte Blume ins Grab zu werfen. Obwohl erst drei Jahre alt, wusste ich, dass dieses Ereignis einschneidend für viele Deutsche war, also auch für mich. Es brauchte Zeit, bis ich da noch etwas anderes begreifen lernte. Als Messdiener, während der Erstkommunion, in der katholischen Jugend, im Kirchenchor, als Pfadfinder wurde mir nur langsam klar, dass ich anders als die anderen war – ein Bastard, einer, der nicht in die Vorstellung vom Deutschsein passte, auch nicht im Westdeutschland der Siebziger.

Die achtziger Jahre, das waren für mich vor allem Kämpfe. Wer nicht flink war oder stärker, ging unter. Auf dem Schulhof, in der Clique war Roots das Thema – die erste Telenovela, die in der BRD zum Straßenfeger wurde. „Hast Du gestern Kunta Kinte gesehen?“ Mir klingt noch heute, nach mehr als 25 Jahren, die Titelmusik in den Ohren. Alex Haleys Roots, war nicht nur für Afroamerikaner eine Offenbarung! Jahre später unterhielt ich mich in der Berliner Disco „Dschungel“ mit dem Regisseur Spike Lee über Roots. Wir waren beide überrascht festzustellen, wie tief uns Haleys‘ Suche nach seinen Wurzeln, die auch unsere waren, faszinierte.

Mitte der achtziger Jahre saß ich im Zug nach Westerland auf Sylt. Das Abitur in der Tasche und keine Ahnung, was kommt, ließ ich mich auf ein Abenteuer ein. Ich wurde als Matrose zum Sanitätslehrgang an der Marineversorgungsschule (MVS) eingezogen. List, das ist schon fast Dänemark, die nördlichste Stadt Deutschlands, weit weg von zu Hause. Und die MVS war die Heimat der „Blauen Jungs“ – dem Marinechor unter Hauptbootsmann Charlie Schmitt. An der Wache wollten sie mich zunächst nicht reinlassen. Ich sei zu spät. Dem Unteroffizier war die Situation nicht geheuer. Wie bitte? Ein Schwarzer, mit Einberufungsbefehl? Tatsächlich schien man bei der MVS noch nie Schwarze gesehen zu haben, jedenfalls keine mit deutschem Pass. Ich glaubte, ich sei der einzige Schwarze bei der Bundesmarine.

Dennoch wählten mich meine Kameraden zu ihrem Sprecher – weiße Matrosen, Blaue Jungs. Um nicht unterzugehen, sang ich beim Marinechor. Geködert wurden wir alle mit einer Reise nach Amerika – die Steubenparade in New York war unser Ziel. Meine Kameraden sind ohne mich nach New York geflogen. Angeblich, weil ich, trotz Kirchenchor und gelungenem Auftritt in der Westerländer Konzertmuschel, nicht singen konnte. Hauptbootsmann Schmitt erklärte mir schließlich, dass ein afrodeutscher Matrose nicht in die Steubenparade gepasst hätte. Fragt sich nur, für wen mein Auftritt in New York unerträglich gewesen wäre, für die Amerikaner oder die weißen Deutschen? Es blieb nicht die einzige Demütigung.

Ende der Achtziger, vor dem Mauerfall, hatten viele Afrodeutsche im Westen das Gefühl, es geschafft zu haben. Die Bunte Republik Deutschland lag in greifbarer Nähe. Und das trotz ewig Gestriger, wie Edmund Stoiber, der noch 1988 Giovanni Di Lorenzo, dem heutigen Chefredakteur der ZEIT, in den Schreibblock diktierte: „Die durchrasste und durchmischte Gesellschaft ist eine Gefahr für Deutschland.“ Durchrasst und durchmischt? Damit meinte Stoiber wohl auch mich.

Und dann fiel die Mauer! Unsere Brüder und Schwestern aus dem Osten drängelten sich vor. Wendezeiten. An dieser Stelle kippte das Bild. Multikulti war abgemeldet, der Osten hatte ältere Rechte – die Schlange stand jetzt mit Begrüßungsgeld am Bahnhof Zoo vor den Sex-Shops von Beate Uhse. Von „Multikulti“ will nach der Mauer niemand mehr etwas wissen. Der Begriff verkommt zum Schimpfwort. Jetzt ist die Zeit, in der die oft beklagten „Parallelgesellschaften“ für viele Multikulti-Menschen zur rettenden Nische werden. Denn kurz nach der offiziellen Wiedervereinigung Deutschlands folgt die erste Welle rassistischer Gewalt.

1990 wird Antonio Amadeu, ein Vertragsarbeiter aus Angola, in Eberswalde (Brandenburg) zusammengeschlagen. In der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 zieht eine Gruppe von etwa 50 rechtsextremen Skinheads mit Baseballschlägern und Latten durch die Stadt, um Jagd auf Schwarze zu machen. In einer Gaststätte treffen sie auf drei Afrikaner, die sie verprügeln. Während zwei Mosambikaner teils schwer verletzt flüchten können, erwacht der 28-jährige Amadeu Antonio Kiowa nicht mehr aus dem Koma. Er stirbt zwei Wochen später. Sein Sohn wird kurz darauf geboren. Ich halte ihn im Arm. Ein afrodeutscher Junge, der ohne Vater aufwachsen wird. Déjà vu.

Amadeu ist das erste Todesopfer rassistischer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland. Es herrscht Pogromstimmung. In Hoyerswerda brennt 1991 ein Asylbewerberheim. 1992 wird in Mölln (Westdeutschland) ein Brandanschlag auf ein von Türken bewohntes Haus verübt. Drei Menschen sterben. Es gibt Lichterketten. Ein junger Mann stürzt auf der Flucht vor Neonazis durch eine Glasscheibe und verblutet. Ein Afrikaner wird auf dem Heimweg zu seiner Familie erschlagen.

2006: Das afrodeutsche Prügelopfer aus Potsdam lebt noch; Multikulti ist für tot erklärt. Die Lichterketten sind kürzer geworden und Brandenburger Rechtsanwälte fühlen sich in ihrer Menschenwürde verletzt, weil man ihnen einen Spiegel vorhält.

Ein paar Tage nach dem Potsdamer Überfall erhielt ich einen Anruf von Kiowas Sohn. Er ist jetzt 15 und lebt noch immer im Osten. Er fragte, ob ich ihn mal wieder besuchen könne. Ich versprach es ihm, aber ich werde ohne meine Kinder fahren.

Mein vierjähriger Sohn möchte wie sein weißer Kumpel von nebenan zum Ritterfest nach Brandenburg. Ich suche Ausreden, laviere und schlage etwas anderes vor, wegen der langen Autofahrt. Oder soll ich ihm jetzt schon die Wahrheit sagen? Ihm erklären, warum wir, eine afrodeutsche Familie aus Berlin, nicht ins Umland fahren, wenn es sich vermeiden lässt? Ich will ihm keine Angst machen, noch nicht.

Heye hat die Wahrheit gesagt, und dafür Prügel bezogen. Er ist nicht der einzige. Und was die Fußballweltmeisterschaft angeht, so werden wir sie wie die meisten vor dem Fernseher genießen. Mit einer deutschen und einer ghanaischen Fahne in der Hand – Multikulti eben.


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