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Schwarz sein und deutsch dazu


Theodor Wonja Michael

DIE ZEIT

18/1998

Das ist in Deutschland noch immer – und schon wieder – alles andere als selbstverständlich. Gespräche mit schwarzen Deutschen – von John A. Kantara

Der alte Mann wirkt in den Kulissen von Deutschlands berühmtestem Fernsehcafé etwas verloren. Im „Fasan“ auf dem Ufa-Studiogelände in Babelsberg drehen sie gerade eine neue Folge von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Sechs Millionen Zuschauer täglich wollen bedient sein. Hektische Unruhe, wohin man schaut, auch die Produktion von Seifenoperträumen ist harte Arbeit.

Theodor Wonja Michael kennt die Studioatmosphäre in Babelsberg. In den Kriegsjahren hat der heute 73jährige hier als Komparse gearbeitet. „Drüben in der Marlene-Dietrich-Halle war das“, erzählt er. Doch damals hieß die Halle noch nicht so. Denn die Dietrich „war ja out bei den Nazis“. Überhaupt war hier früher alles anders. Doch als ein „Achtung, Stellprobe!“ aus dem Lautsprecher ertönt, huscht ein wissendes Lächeln über Theodor Michaels schwarzes Gesicht. Da ist es wieder, das „Babelsberg-Gefühl“. Die fast sechzig Jahre, die vergangen sind, seitdem er zum letzten Mal hier war, scheinen wie weggewischt.

Plötzlich ist es fast wie gestern, als ein deutscher Beamter unter „Besondere Kennzeichen“ in seinem Paß „Neger“ notierte. „Neger“ brauchten sie in den Studios. Als Statisten für Goebbels‘ Propagandastreifen genauso wie für bunte Kostümfilme. In „Münchhausen“ mit Hans Albers in der Titelrolle hat Theodor Michael mitgespielt. „Wir waren die Mohren, die man da brauchte. Für uns war das eine Existenzfrage.“ Babelsberg hat ihm damals das Leben gerettet.

Szenenwechsel. Heldenstadt Leipzig. Der Chor des weltberühmten Gewandhausorchesters versammelt sich zur Probe. Händels Dettinger „Tedeum“ steht auf dem Programm. In der ersten Reihe singt Aminata Schleicher. Ihre Stimmlage ist Alt. Die 33jährige Germanistikstudentin liebt diesen Chor. Leipzig ist ihre Heimatstadt. Sie wurde hier, in der DDR, geboren. Hier wohnt ihre Familie, hier sind ihre Freunde. Schon aus diesem Grund bleibt sie in Leipzig. Obwohl Freunde ihr geraten haben, den Osten zu verlassen, seitdem sie dort „Neger klatschen“. Aminata ist, wie Theodor Wonja Michael, schwarz. Eine Afrodeutsche.
Schwarz sein und deutsch dazu? In Deutschland ist das alles andere als selbstverständlich. Niemand weiß genau, wie viele schwarze Deutsche in der Bundesrepublik leben. Gesicherte Zahlen gibt es nicht. Denn in Deutschland ist es nicht erlaubt, Menschen nur aufgrund ihrer Hautfarbe statistisch zu erfassen. So verwundert es nicht, in dem von der Ausländerbeauftragten des Bundes herausgegebenen Lexikon der ethnischen Minderheiten in Deutschland unter dem Stichwort „Schwarze Deutsche“ zu lesen:

„Schwarze Deutsche werden auch in der Bundesrepublik der 90er Jahre gewöhnlich als Ausländer und Ausländerinnen betrachtet. Ihr Aufenthalt in Deutschland wird als vorübergehend begriffen und ihre gesellschaftliche Verwurzelung häufig und ausschließlich mit der Besatzungszeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Verbindung gebracht.“
Im Westen sind schwarze Deutsche nichts Neues. Auch wenn man sie hier meist „Besatzungskinder“ nannte, weil ihre Väter US-amerikanische Soldaten waren. Der Deutsche Bundestag befaßte sich 1952 mit den „3093 Negermischlingen“, die bis dahin in der Bundesrepublik geboren wurden, und debattierte deren Verbringung in die Heimatländer der Väter, weil den Kindern „schon allein die klimatischen Bedingungen in unserem Lande nicht gemäß sind“.
Theodor Michael ist älter als die Bundesrepublik, Aminata Schleicher wurde in der DDR geboren. Und doch verbindet sie eine gemeinsame Erfahrung: Beide haben die Babelsberger Studios als Komparsen kennengelernt. Theodor bei der alten Ufa, Aminata bei der Defa der DDR. Als Zwölfjährige spielte sie in dem Kinderfilm „Ein Schneemann für Afrika“ mit. Ein kläglich internationalistischer Versuch, über den Stacheldraht hinwegzuschauen.

„Meine Familie ist seit mehr als hundert Jahren in Deutschland“, sagt Theodor zu Aminata, als sie gemeinsam durch die Kulissen von „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gehen. Theodor Michaels Großvater war es, der 1884 den Vertrag mit Gustav Nachtigal über den Anschluß Kameruns an das Deutsche Reich unterschrieben hat. „Seitdem sind wir Deutsche“, sagt er, nicht ohne Stolz.
Als Theodors Vater am Ende des vergangenen Jahrhunderts aus Kamerun nach Berlin kam, war Deutschland auf dem Höhepunkt seiner imperialen Macht. Männer wie Gustav Nachtigal und Carl Peters hatten dem Kaiser Kolonien erobert. In Kamerun, Togo, Tansania und Namibia finden sich noch heute die Spuren der deutschen kolonialen Vergangenheit. Gräber zumeist. Gefallene Helden des Kaiserreichs.
Theodor Wonja Michael wurde 1925 in Berlin geboren, im Bezirk Prenzlauer Berg, Mühlhauser Straße 2. Er war das jüngste von vier Kindern. Die Familie war Teil einer kleinen Gruppe von deutschen Afrikanern aus den ehemaligen Kolonien, die mit weißen Frauen verheiratet waren.
Die Zeiten waren alles andere als gut. Depression, hohe Arbeitslosigkeit und die Nazis in Deutschland auf dem Vormarsch. Die Franzosen hatten schwarze Kolonialtruppen im Rheinland stationiert. „Rheinlandbastarde“ wurden die Kinder schwarzer französischer Soldaten und weißer deutscher Frauen genannt, die zwischen 1919 und 1929 im Rheinland geboren wurden. Auch Theodor wurde als Kind häufig gefragt: „Kommst du aus dem Rheinland?“ Wie viele dieser Kinder den Holocaust überlebten, ist nicht bekannt. Aktenkundig wurden 285 Zwangssterilisierungen von schwarzen Deutschen seit 1937. In diesem Jahr wurde Theodor zwölf Jahre alt.

„Die größte Angst, die wir hatten“, sagt er im Gespräch mit Aminata, „war neben der Angst vor der physischen Vernichtung – die Angst vor der Sterilisation. Wir jungen Afrodeutschen hatten entsetzliche Angst davor.“
Angst vor weißen Deutschen kennt auch Aminata. Ihr Vater kam nach Leipzig, als die Mauer gerade gebaut war. Im Herder-Institut an der Lumumba-Straße sollte der Kader aus der sozialistischen Republik Guinea Deutsch lernen. „Institut der Freundschaft“ nannte sich die sozialistische Bildungsanstalt. Was die staatlich verordneten Freundschaftsbekundungen wert waren, bekam die Tochter schon zu spüren, als die Mauer noch stand, aber schon wackelte.
Bei den Leipziger Montagsdemonstrationen vor der Michaelis-Kirche war auch Aminata dabei. Die Menge skandierte: „Wir sind das Volk!“ Aminata berichtet: „Eines Tages tippte mir dann jemand auf die Schulter und sagte mir, daß dies nur für die Deutschen, nur für die Weißen, gelte und daß ich damit nicht gemeint sei. Da habe ich mir gedacht, jetzt ist es höchste Zeit zu gehen.“

Das vereinigte Deutschland bedeutet für schwarze Deutsche Unsicherheit. Eine Serie von rassistischen Übergriffen verbreitet bis heute Angst. „Also ich hab‘ ein, zwei Jahre nach der Wende hier sehr große Angst gehabt“, erzählt Aminata, „aber dann habe ich es einfach satt gehabt, Angst zu haben, satt gehabt, mir von anderen Leuten, die ich nicht einmal sehe, weil ich auch zusehe, daß ich sie nicht zu Gesicht bekomme und sie mich nicht, mir von diesen Leuten mein Leben bestimmen zu lassen.“
Theodor Michaels Familie lebt seit über einhundert Jahren in Deutschland. Von der Zeit des Kaiserreichs über die Weimarer Republik zu den Herrenmenschen des „Dritten Reiches“, von der Bundesrepublik Deutschland West über die Deutsche Demokratische Republik Ost bis zum wiedervereinigten Deutschland. Er fragt sich: Wann endlich wird man meine Enkel in Deutschland nach ihrem Charakter beurteilen und nicht nach ihrer Hautfarbe?

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